Ehrlichkeit -Textauszug aus Lümmel Luder Lust-

Lennart Cole 2019
"...Eine kleine Geschichte zum Thema Ehrlichkeit, was ist das?
Eine Frau war mit ihrem damaligen Freund zum Essen verabredet. Sie wollten sich um 18 Uhr in einem Restaurant treffen. Um 19 Uhr wartete ihr damaliger Freund jedoch nicht mehr länger und beschloss, nach Hause zu fahren. Erst spät am Abend erreichte er sie dann telefonisch und stellte
einfach nur eine Frage, die wir alle stellen würden: ‚Warum?‘
Die Frage nach dem Warum ist interessanter Natur, wie wir gleich
feststellen werden. Ihre erste Antwort war:
‚Weil ich bei der Arbeit noch zu tun hatte.‘
Er fragte wieder: ‚Warum?‘
Sie antwortete: ‚Ich habe die Zeit vergessen und den Bus verpasst.‘ Er fragte wieder: ‚Warum?‘
Sie antwortete: ‚Weil es dann so spät war, bin ich gleich zu mir nach
Hause gefahren.‘
Er blieb hartnäckig und fragte energisch: ‚Verdammt noch mal, warum?‘ Diesmal ließ die Antwort auf sich warten.
Sie antwortete jetzt nicht mehr so nervös, sondern leise, fast schon
sanft: ‚Weil ich dich nicht sehen wollte.‘
Ich konfrontierte meine Frau mit der größtmöglichen Offenheit und Ehrlichkeit, nicht mehr und nicht weniger, denn ich wollte aufhören, über mich selbst zu schweigen. Ich wollte das, was ich spürte, fühlte, dachte, einfach loswerden. Ich wollte das Leben sehen, wie es ist und nicht, wie ich es gerne hätte.
Dazu war bei mir einiges an Entwicklung notwendig. Ich diskutierte mit mir selbst über Tage hinweg sehr offen und intensiv. Mir war eines
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klar, ich wollte verdammt noch mal auch eine Hure im Bett und selbst eine Hure im Bett sein, und nicht nur eine sich auf hohem Niveau befindliche Gehirnmaschine und Servicekraft, die möglichst gut und zuverlässig ihre Pflichten erfüllt.
Wenn’s in der Kiste nicht stimmt, geht einem Mann das Lob als guter Handwerker, liebevoller Vater etc. am Arsch vorbei!
Erst einige Zeit nach diesem Geschehen stellte ich zu meiner Überra- schung fest, dass mir der Kerl eigentlich egal war, die Situation war mir eigentlich egal, was mich enttäuschte, war etwas ganz anderes: Sie sprach nicht über sich, erzählte nichts über ihre Wünsche, äußerte sich nicht über ihre wirklichen Sehnsüchte. Ich wollte fragen und wollte ihr offen und frei einfach zuhören: ‚Hattest du einen Orgasmus, hat es dich erregt? Was hat dich sehr erregt, wie habt ihr es gemacht? Was war der Reiz für dich, mit ihm in die Nacht zu fahren? Hast du für dich etwas festgestellt? Brauchst du es, mit anderen Sex zu haben, oder genießt du das in besonderer Form? Können wir vielleicht deine Art Lust genussvoll miteinander teilen? Gibt es etwas, was du sehr genießt, aber dich nicht traust, es zu sagen?‘
Nichts. Schweigen. Keine Antwort, kein Wort, lediglich ungläubige Blicke. Das, Anouk, war die eigentliche Untreue. Vielleicht ist das sogar noch das falsche Wort. Wir hatten uns voneinander entfernt, unsere Nähe war dahin, das trifft es vielleicht besser. Ich wünschte mir, egal was auch immer sie genoss und mochte, die Nähe zu ihr, und ich sah darin eine Chance, dass wir uns mehr Freiheit schenken könnten, ohne an Nähe zu verlieren, sondern im Gegenteil, mehr Nähe, mehr Ehrlichkeit und Offenheit zu uns selbst zu erfahren und teilen zu können.
Wir waren uns jedoch selbst nicht treu, oder anders gesagt, wir schafften jeder für sich keine Verbindlichkeiten, die uns miteinander verbinden konnten.
Verbindlichkeit meine ich im Sinne von: Ich habe eine Verbindung zu mir und kann daher eine Verbindung zu dir haben.
Das, was wir uns geschaffen hatten, war, dass jeder seine Wunden ver- band und sich Mühe gab, im Leben nicht als behindert zu gelten.
Vollgepfropft mit Hemmungen, doch Hemmungen sind die falsche Form des Widerstands....." Textauszug Ende

(C) 2014 von Lennart Cole

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